Frivole und friedliche Frühlingsgrüsse
- 30. März
- 3 Min. Lesezeit
Die Tage werden lauer, das Blätterdach der Bäume wird dichter, Narzissen, Winterlinge und Nachtschattengewächse werden bunter, die Kleider werden kürzer und die Blicke länger.
Böse Zungen sagen: Das Klauen von Blumen ist wie eine heranwachsende Ulme im Frühling: über Nacht ER-LAUBT.
Scharfe Zungen sagen: Das Pflücken fremder Blumen gehört verboten. Auch unter Ulmen.

«Scharfe Zungen»: Patti Basler ist Autorin, Kabarettistin, Satirikerin und lebt bei Baden. Corinne Sutter, multidisziplinäre Künstlerin aller Art, Speedpainterin und Schnelldenkerin, wohnt als Ost-Schweizer-Expat in Aarwangen und ist beruflich oft in Baden. Beide sind hinter Mikrofonen, auf Bühnen, vor Kameras unterwegs und gehen gelegentlich ins Netz, jede gezeichnet von der anderen. Sie sinnieren mit dem Podcast «Scharfe Zungen» über die Welt.
Liebe Patti
Die Natur treibt es fast so bunt wie ich im Atelier. Ich vermag mich kaum zu konzentrieren, vor lauter Leben, welches draussen keimt und blüht. In den letzten Monaten konnte ich unter dem Schleier des Nebels meinen Fokus wahren, nun pfeift mir der Frühling um die Ohren. Der Blick durchs Fenster bleibt am Gärtner hängen. Ein hart arbeitender junger Mann, dem man an dieser Stelle auch gerne mal ein Kränzchen winden darf. Natürlich muss auch er sich an Deadlines halten, doch im Gegensatz zu meinen Gemälden ist sein Werk vergänglich.
Er scheint aufzublühen - die Arbeit mit Erde und Pflanzen liegt in seiner Natur. Er kniet sich hinein. Voller Hingabe bearbeitet er das Beet. Er lässt die Erde durch seine Finger rieseln und richtet sich auf. Mit einem tiefen Atemzug streckt er seinen Rücken durch, greift routiniert zum Spaten und bereitet den Boden für künftige Augenweiden. Da fällt mir ein, auch mein Beckenboden sollte mal wieder trainiert werden nach dem übermässigen Konsum von Schoggi-Eiern. Zeit, mich selbst in Bewegung zu setzen. Dazu gibt’s Grund genug da draussen. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, zu ernten, was sich mir vor dem Fenster präsentiert.
Patti, ich hole mir jetzt einen Blumenstrauss!
Die schönsten Blüten gilt es bekanntlich zu pflücken, bevor die Abenddämmerung hereinbricht und die hübschen Köpfchen hängen lässt. Während ich meine Hand nach einer weissen Narzisse ausstrecke, glaube ich etwas klingeln zu hören, als verkündeten die Glocken eine geheime Botschaft. Es sind die Worte eines toten Dichters, welche in meinem Ohr widerhallen:
Gather ye rosebuds while ye may,
Old Time is still a-flying;
And this same flower that smiles today
Tomorrow will be dying.
Frivole Frühlingsgrüsse sendet Corinne Sutter
Liebe Corinne
Ich verstehe es, wenn nach langer Durststrecke endlich die Frühlingsgefühle hervorbrechen. Schliesslich bin ich katholisch und hatte bis Ostern Fastenzeit. Dieses Jahr war sie gar zeitgleich mit der muslimischen Fastenzeit, dem Ramadan. Im Islam isst man dann nur im Dunkeln, nur nachts, damit Gott es möglicherweise übersieht. Das ist Intervallfasten mit Religions-Hintergrund. Schon seit Jahren predige ich, dass sich der Katholizismus für noch gerissener hält: Das verbotene Fleisch wird unter einen Mantel gesteckt und heimlich vernascht. Je nach Region wird dies «Ravioli» oder «Maultaschen» genannt. Oder «Ministrant». Ja, wir müssen nicht den Schleier von anderen Religionen lüften, wir können vor der eigenen Kirchentür kehren. Und natürlich vor dem eigenen Atelier-Fenster wischen.
Aber, liebe Corinne, dein Fenster ist keine Tinder-App, kein Wisch und Weg, kein Swipen nach Lust und Laune. Der Garten, den du bewunderst, ist nicht deiner, du kannst da nicht nach Belieben Eier suchen. Zudem ist der Gärtner kaum älter als ein Ministrant und er steht nicht in deinen Diensten. Lüsterne Blicke sind unangebracht. Ihm liegen ohnehin schon so viele zu Füssen, da bleibt keine Zeit für Schäferstündchen. Zwar heisst es, der Mörder sei immer der Gärtner. Doch selbst wenn Leichen seinen Weg pflastern, ist niemand durch seine Hand gestorben.
Er ist Friedhofsgärtner. Gib ihm einen Korb, darin das gewundene Kränzchen.
Nur vergreif dich nicht an der Flora!
Denn wer im Friedhof Blumen stiehlt, geht über Leichen.
Ein Kirchhof ist der Garten,
Ein Blumenbeet das Grab
Und von der grünen Ulme
Fällt Kron und Blüte ab.
Friedliche Frühlingsgrüsse sendet Patti Basler

Kommentare