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«Wir müssen den Abstieg auffangen»

Nach der Euphorie folgt beim FC Baden die Ernüchterung. Nur ein Jahr lang dauerte das Abenteuer in der Challenge League. Nun tritt auch Präsident Heinz Gassmann nach sechs Jahren zurück. Sein designierter Nachfolger Gianmarco Coluccia, bisher Vizepräsident, spricht über Zukunft und Stellenwert des Vereins.


Aufstiegsheld Dejan Jakovljevic (links) beendet seine Karriere beim FC Baden 1897. Gianmarco Coluccia (rechts) übernimmt neu das Präsidium auf die Saison 2024/25 und löst damit den langjährigen Präsidenten Heinz Gassmann ab.


Herr Coluccia, stellen Sie als designierter Präsident den FC Baden vor. Gianmarco Coluccia: Wir haben rund 30 Teams bei uns, dazu noch vier Mannschaften zusammen mit dem FC Wettingen. Drei Aktivmannschaften, vier bei den Senioren und zwei bei den Frauen. Bleiben 20 Juniorenmannschaften. Der Verein zählt rund 450 Junioren und 200 Erwachsene – Frauen und Männer.


Wo trainieren diese Teams? Wir haben das Stadion Esp, den Sportplatz Langäcker in Wettingen, Rütihof und Meierhof. Die beiden letztgenannten sind eigentlich Schulwiesen, die aufgepeppt wurden, die sind nur fürs Training. Spiele müssen wir im Esp und teilweise im Langäcker austragen, dort aber nur bis Junioren C.


Da hauptsächlich im Esp gespielt wird, ist die Planung sicher nicht einfach. Das ist tatsächlich eine grosse Herausforderung. Vor allem auch in den Wintermonaten, wir versuchen alle Teams, auch im Training, auf den Kunstrasen zu bringen.


Wie sieht Ihre Herausforderung als Präsident für die nächsten Jahre aus? Bei der ersten Mannschaft versuchen wir den Abstieg aufzufangen. Wir kommen von der Euphorie direkt wieder ins Down. Von Seiten der Spieler, den Fans, des Vereins und der Erwartungen muss ich das auffangen. Es ist eine andere Situation, als wenn ein Verein gerade aufsteigt. Es gilt möglichst gut weiterzuarbeiten, dass wir die Liga in den nächsten Jahren erhalten können und uns dann so gut aufstellen, dass man realistisch wieder von einem Aufstieg reden kann, aber einem geplanten Aufstieg.


Wie siehts bei der Struktur aus? Wir bauen eine Geschäftsstelle auf, wir müssen für die Promotion League überdenken, was es alles braucht. Ein gewisses Niveau müssen wir halten, wenn wir von einem geplanten Aufstieg reden.


Wie siehts bei den Junioren und Frauen aus? Im Juniorenbereich leisten wir gute Arbeit. Wir sind ein beliebter Verein und darum haben wir immer extrem viele Anmeldungen. Vor allem im Kinderfussball. Aber wir sehen es als unsere Aufgabe, dass wir für die Stadt Baden und die Bevölkerung eine Plattform bieten. Da machen wir keine Einbussen bei den Junioren oder beim Breitensport. Im Frauenfussball haben wir seit einigen Jahren eine hervorragende Partnerschaft mit dem FC Wettingen und bilden zusammen ca. 100 Juniorinnen aus. Unsere 1. Frauenmannschaft kämpft zurzeit mit eher dürftigen sportlichen Leistungen. Ich bin aber zuversichtlich, dass es wieder aufwärts geht.


Wie sehen Sie den Stellenwert des Sports in der Gesellschaft? Ich habe das Gefühl, der Sport hat im Moment einen grossen Stellenwert. Wir haben das in der Challenge League gesehen, die Zuschauer, die Fans, viele hat es interessiert. Auch für die Stadt ist es wichtig, dass sie Leistungssport bieten kann. Da ist es egal ob es Fussball, Handball oder was auch immer ist. Die Region hat genug Stolz, sich auf der sportlichen Ebene zu zeigen.


Wie ist der Stellenwert des FC Baden in der Stadt? In letzter Zeit hat der FC Baden eine grosse Plattform erhalten, eine grosse Bühne. Da müssen wir aufpassen, dass die Stimmung nicht kippt. Wir sind sehr dankbar, dass wir die Aufmerksamkeit bekommen. Aber Baden hat sehr viele Vereine, auch Kulturvereine und wir haben nun ein grösseres Stück von Kuchen erhalten. Aber der Fussball soll da nicht überborden, dass auf einmal eine Antipathie entsteht. Klar der Fussball hat ein niederschwelliges Angebot und leichten Zugang für die Jugendlichen und zieht die Massen an. Doch die Leute dürfen nicht das Gefühl haben, es gibt nur noch der FC Baden. Das ist mir schon wichtig. Es gibt andere gute Vereine, die ebenso die Aufmerksamkeit brauchen und auf Unterstützung durch die Stadt angewiesen sind. Ich sehe den Sport als wichtigen Faktor der Gesellschaft, vor allem auch für Kinder. Da sollte man möglichst breit aufgestellt sein.


Wo sehen Sie Ansätze, den Sport zu fördern? Alle Sportvereine haben Probleme mit der Infrastruktur. Wir haben eine wachsende Gesellschaft und die Infrastruktur ist teilweise noch dieselbe wir vor 30 Jahren. Das sehe ich bei unserem Nachbarverein, dem FC Wettingen. In Neuenhof hat sich die Bevölkerung in den letzten 40 Jahren fast verdoppelt, doch es hat immer noch einen Fussballplatz wie damals.


Die Stadt Baden bot dem FC aber zuletzt viel. Das stimmt, ich denke, die Politik hat das auch als Chance gesehen, das Motto «Baden ist» zu stärken, jetzt kann die Stadt sagen «Baden ist auch Sport». Es ist ja etwas Schönes, wenn man sich auch national präsentieren kann.


Gibt es in Baden einen Kampf zwischen Sport und Kultur? Da wird vielleicht etwas künstlich aufrechterhalten. Es hat viele Kulturschaffende, die auch sportbegeistert sind und umgekehrt. Man muss sich nichts wegnehmen, man kann voneinander profitieren und man sollte schauen, dass Mittel ausgeglichen verteilt werden. Die Stadt Baden ist sehr engagiert und bietet allen ein hervorragendes Angebot.


Die Aussendarstellung des Fussballs ist teilweise schlimm, Stichwort Gewalt. Ist das ein Problem für den Verein? Ich sehe nicht den Fussball als Problem, sondern gewisse Leute haben das Gefühl, es ist ein rechtsfreier Raum, sobald sie auf dem Fussballplatz stehen oder wenn sie ein Match schauen. Ob das nun Fussball oder eine andere Sportart ist. Fussball hat einfach die grösste Plattform, man sieht es besser. In vielen Bereichen haben die Leute den Respekt verloren. Das hat nichts mit dem Sport zu tun, es sind Leute, die das missbrauchen. Solange wir eine so grosse Toleranz von Seiten Liga und Politik gegenüber den Chaoten haben, wird man das kaum können verhindern.


Das viele Geld im Fussball ist auch kontraproduktiv? Auf höchster Ebene hat man den Zusammenhang verloren, da existiert ein Realitätsverlust. Man redet nur noch von Millionen, Milliarden, die ganze Kommerzialisierung hat nicht geholfen. Es gibt Leute, die finden das super. Ich komme je länger je mehr davon weg, schaue lieber Amateurfussball. Ich sehe lieber echte Emotionen, als im Fernsehen, wo es nur um Einschaltquoten geht.


Der Fussball überbordet? Alles ist aufgeblasen, bei den grossen Anlässen. Die Zahl der Wettbewerbe steigt ständig. Die Freude geht verloren.


Wie sieht das in der Schweiz aus? Im Vergleich zu anderen Ländern ist der Fussball in der Schweiz sehr bescheiden unterwegs. Es ist sehr überschaubar, die Liga, die Zahlen, die Eigentumsverhältnisse.


Zurück zum FC Baden, wie stemmen Sie Ihre neue Aufgabe? Es ist schon eine Herausforderung. Es gab Ratschläge wie «mach das ja nicht, was willst du einen Verein übernehmen, der nun abgestiegen ist. Vorher hatte es einen Präsidenten, der als Pensionierter Tag und Nacht unterwegs war.» Da ist natürlich schwierig, Heinz Gassmann hat den Verein in den vergangenen Jahren stark geprägt. Die Erwartungshaltung ist sicher grösser, als wenn du einen Verein übernimmst, der relativ einfach geführt war. Wir, der Vorstand, werden das niemals so im Alleingang machen können wie Heinz Gassmann, der sich immer Zeit genommen hat. Das muss nun nicht das Ziel sein, und in einer modernen Führungsstruktur macht das auch keinen Sinn. Wir werden Leute einbinden, die Kapazität und das Know-how haben. Das Ziel ist, möglichst breit abgestützt zu sein.


Der Vorstand ist klein mit fünf Personen, wollen Sie ihn vergrössern? Heinz müssen wir sicher ersetzen, eventuell suchen wir eine sechste Person und die Bisherigen erhalten ein etwas anderes Aufgabenprofil. Dazu haben wir inzwischen eine Geschäftsstelle, die können wir besser einbinden.


Wo sehen Sie die 1. Mannschaft des FC Baden in Zukunft? Wir haben gezeigt, dass wir uns in der Challenge League nicht verstecken müssen, erfüllten die Anforderungen organisatorisch, in Sachen Infrastruktur und teilweise auch sportlich. Wir hatten auch etwas Pech. Langfristig könnten wir wieder aufsteigen und dort bleiben.

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