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Hilfe zur Selbsthilfe

Die Schulsozialarbeit in Wettingen war vor über 20 Jahren eine der ersten ihrer Art. Was als Feuerwehrübung begann, ist heute eine gut konzipierte Anlaufstelle, wenn Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen im Schulalltag nicht mehr weiter wissen. Die Beratungszahlen machen klar: Der Bedarf ist weiterhin gross.


Von links: Karin Messmer (Co-Leitung), Michael Kurz (Co-Leitung) und Monika Peter (Gründerin) von der Schulsozialarbeit Wettingen.


Zwei Freunde haben nachhaltig Ärger miteinander, wollen nicht mehr gemeinsam auf den Pausenplatz gehen. Eine Schülerin hat Prüfungsangst, setzt sich selbst zu stark unter Druck und kommt mit dem Stress nicht mehr klar. Ein Schüler ringt mit der Integration in die Klasse, ist oft für sich alleine.


Zu Hause läuft die Nutzung der sozialen Medien aus dem Ruder. Die Eltern tun sich schwer mit dem Aufstellen und Durchsetzen von Regeln, mitunter lassen sich die Sprösslinge gar nichts mehr sagen. Oder die Familie klagt über ein Kind, das Angst davor hat, in die Schule zu gehen. Es bleibt dem Unterricht über längere Zeit fern, was als Absentismus bezeichnet wird.


Die Führung der Klasse ist herausfordernd, der eine oder andere Jugendliche erweist sich als besonders lebendig. Die Kommunikation mit den entsprechenden Eltern ist nicht immer einfach, die Erwartungen sind hoch. Die Konfliktsituation ist belastend, die Lehrperson fühlt sich angegriffen, hat sogar schlaflose Nächte.


Früher waren «Troubleshooter» gesucht

Eines haben diese Fallbeispiele gemeinsam: Sie gehen über alltägliche Probleme in der Schule hinaus und bedürfen einer schlichtenden, vermittelnden Instanz. Wenn Kinder, Jugendliche, Eltern oder Lehrpersonen nicht weiter wissen oder einen Rat benötigen, dann ist die Schulsozialarbeit in Wettingen eine bewährte Anlaufstelle. Seit 2002 bietet sie ihre Dienste an, mittlerweile steht sie im 22. Schuljahr und wenn Monika Peter auf die Anfänge zurückblickt, hält sie fest: «Es war damals vor allem ein Feuerwehrjob, die Schulsozialarbeitenden rannten von Fall zu Fall. Troubleshooter waren gesucht, Leute mit Muskeln, die in der Schule und auf dem Pausenplatz die Streitereien regelten.» Monika Peter gilt als Gründerin der Schulsozialarbeit in Wettingen. Zur Jahrtausendwende waren Schulsozialarbeitende noch an einer Hand abzuzählen, heute sind es im Kanton Aargau rund 180. Nicht, dass kräftige Lehrer aus der Mode geraten wären, doch in den letzten zwei Jahrzehnten zog die Schulsozialarbeit ein veritables Netzwerk auf, wuchs organisch, entwickelte Konzepte, erweiterte das Angebot (siehe Box), mass auch der Prävention und Früherkennung eine stetig steigende Bedeutung zu.


Coronamassnahmen mit verheerenden Folgen

Der Blick in die Jahresberichte macht denn auch eines deutlich: Der Bedarf ist gross und hat sich im Verlauf der Coronamassnahmen weiter akzentuiert. Kontaktbeschränkungen, Absage von gemeinschaftsbildenden Anlässen oder das Maskentragen erhöhten zwischen 2019 und 2021 die Fälle von «psychischer Gesundheit» bei Kindern und Jugendlichen um über 600 Prozent, während «physische Gewalt» und «suizidale Gedanken» um das Zweieinhalbfache gestiegen sind. «Die Pandemiezeit war eine Challenge, das System war überlastet. Diese Themen haben sich wieder etwas verbessert, doch sie bestehen weiterhin», berichtet Michael Kurz. Gemeinsam mit Karin Messmer bildet er die Leitung der Schulsozialarbeit, welche acht Personen beschäftigt und sich über die Gemeinden Wettingen, Ennetbaden und Killwangen erstreckt. Die Beratung ist freiwillig, vertraulich und neutral – die Schulsozialarbeit ist bei der Gemeinde angestellt und nicht der Schulleitung unterstellt. Pro Jahr leistet sie im Kindergarten, in der Primarschule und Heilpädagogischen Schule, sowie auf der Oberstufe rund 3600 Beratungsstunden. Am meisten Zeit investieren sie in die Themen «Konflikte/Beziehungen» und «Soziale Kompetenz», auch «Erziehung/Familie» und «Gesundheit/Entwicklung» spielen eine überdurchschnittlich grosse Rolle.


Im Ideenbüro hilft man sich

Diese Begriffe legen den Eindruck nahe, dass selten ein Problem in isolierter Form auftritt. Tatsächlich seien die Themen oft mannigfaltig, bestätigt Karin Messmer und nennt zur Illustration ein Beispiel: «Wenn sich die Ausgrenzung eines Jugendlichen zu einem ausgewachsenen Mobbing entwickelt, ist das Thema oft mehrschichtig. In solchen Fällen arbeiten wir mit dem ganzen System, also in den betroffenen Gruppen, in der Schulklasse, mit Eltern und Lehrpersonen.» Letztlich gehe es nicht nur um Konfliktlösung, sondern auch darum, sämtliche Protagonisten zu stärken. Um die soziale Kompetenz und das Vertrauen in das eigene Können (Selbstwirksamkeit) zu fördern, entstand in der Heilpädagogischen Schule beispielsweise das sogenannte Ideenbüro. «Die Schüler in der HPS sind kognitiv eingeschränkt, befinden sich eher am Rand der Gesellschaft und merken, dass sie nicht zur Regelschule gehören», erzählt Monika Peter. Im Ideenbüro können sie sich etwas einfallen lassen, um sich gegenseitig zu helfen. «Wenn zum Beispiel im Taxi ein Streit entfacht, entstehen in der Gruppe verschiedene Ideen, wie die Situation gelöst werden könnte. Zudem werden auch wertvolle Ideen für das Zusammenleben in der Schule entwickelt.»


Kinder sprechen YouTube-Englisch

Die sozialen Skills der Lehrpersonen werden in Fachberatungen geschärft, um Konfliktherde bereits in der Entstehungsphase zu erkennen, selber einzudämmen oder frühzeitig die Schulsozialarbeit zu kontaktieren. Ein Phänomen, das in Kindergärten in jüngerer Vergangenheit gehäuft auftritt, sind grenzenlos sozialisierte Kleinkinder. «Als Folge der gesellschaftlichen Entwicklung haben Eltern oft einen stressigen Alltag. Sie wollen es dann mit ihren Kindern gut haben, möchten ihnen nichts abschlagen und haben Mühe damit, Grenzen zu setzen», erklärt Karin Messmer. Wenn der Nachwuchs im Kindergarten erstmals mit dem Wort «nein» konfrontiert wird, muss es den Umgang damit erst erlernen. «Handelt es sich dabei nicht nur um ein, zwei Kinder, sondern wie manchmal beobachtet um mehr als die halbe Klasse, steht die Kindergärtnerin vor einer schwierigen Herausforderung», sagt Messmer. Michael Kurz spricht derweil über Kinder, die nicht richtig deutsch, dafür aber «YouTube-Englisch» sprechen: «Dort übernimmt der digitale Helfer die Erziehung. Doch über diesen eindimensionalen Kanal können keine sozialen Kompetenzen aufgebaut werden.»


Nicht beleidigen, sondern helfen

Die Schulsozialarbeit begibt sich dabei nicht auf die Suche nach Schuldigen, sondern strebt nach der Erstellung eines Entwicklungsrahmens, der die Schule und die Familien umfasst. Dabei sieht sie sich nicht als Disziplinar- oder Erziehungsinstanz, vielmehr will sie beim Aufstellen von Grenzen und Regeln unterstützend wirken. «Wenn Schülerinnen und Schüler beispielsweise bis 2 Uhr nachts im Klassenchat schreiben und womöglich andere beleidigen, braucht es Präsenz und ein klares Statement», vermerkt Kurz und lässt den Lösungsansatz gleich folgen: «Es sollten Möglichkeiten geschaffen werden, dass Kinder auf sozial erwünschte Art zu Wertschätzung gelangen. Nicht, indem sie Macht über andere ausüben, sondern indem sie ihre Stärken zeigen und anderen helfen.»


In Fällen, wo die Erstberatung und das niederschwellige Angebot der Schulsozialarbeit nicht ausreicht, kommt ihr breites Netzwerk mit verschiedenen Fachstellen zum Tragen. In akuten Familienkrisen wird der Kontakt zum Beratungszentrum BZBplus in Baden hergestellt, bei psychiatrischen Symptomatiken werden die Betroffenen an die Kinder- und Jugendpsychiatrie oder an private Psychologen weitervermittelt. «Leider besteht dort aber weiterhin eine dreimonatige Wartezeit, das ist ein echter Missstand», bedauert Karin Messmer.


Das tut der Kinderseele gut

Über allem steht deshalb die Prävention und die Suche nach dem, was der Kinderseele guttut. «Die Resilienzforschung zeigt, dass schwierige Verhältnisse dort überwunden werden können, wo sich die Kinder verstanden fühlen, denn Menschen suchen Bindung», sagt Michael Kurz und zitiert Karl Valentin, wenn er anfügt: «Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.» Deshalb brauche es Lehrpersonen, Eltern und Kinder, die in ihrer Kraft und nicht am Anschlag seien. «Dafür tun wir bei der Schulsozialarbeit unser Bestes.»


Und so bleibt die Frage: Was wünschen sich die Protagonisten der Schulsozialarbeit Wettingen für die Zukunft? «Die Schule soll noch mehr zu einem sicheren Ort werden, wo wertvolle Erfahrungen gemacht werden können, genauso wie zuhause und in der Freizeit», sagt Monika Peter. «Auf der Ebene der Erwachsenen mit Lehrpersonen und Eltern verträgt es noch mehr offene Ohren, damit die Kommunikation noch besser gelingt. Am Ende wollen wir alle das Gleiche: Das Beste für unsere Kinder», betont Karin Messmer und Michael Kurz konstatiert: «In der Schule darf nicht nur Mathematik oder Deutsch unterrichtet, und das Menschliche ausgelagert werden. Wir bieten keine Dauerberatung, sondern Hilfe zur Selbsthilfe.»

 

So sieht das Angebot aus


Am meisten wird die Schulsozialarbeit von Schülerinnen und Schülern genutzt. Sie erhalten Unterstützung bei Mobbing, Konflikten zu Hause, Stress mit Lehrpersonen, Streit mit Kameraden, Leistungsdruck oder Prüfungsangst. Auch Stress allgemeiner Art, Probleme auf dem Schulweg oder andere Sorgen werden vertraulich behandelt.


Um Kinder im Schulalltag zu unterstützen, eröffnet die Schulsozialarbeit den Eltern eine Aussenperspektive und eine gemeinsame Lösungsfindung. Im Angebot stehen Erstberatung bei Erziehungsfragen, Beratung zur Zusammenarbeit zwischen Schule-Eltern und Eltern-Eltern, sowie Vermittlung an spezifische Fachstellen.


Die Schulsozialarbeit ist auch für Lehrpersonen eine Anlaufstelle, etwa bei sozialen Fragen mit Schülerinnen und Schülern oder sozialen Anliegen in der Klassenführung. Auch ein Coaching zur gelingenden Kooperation mit Eltern, eine beratende Teilnahme an Elterngesprächen und runden Tischen, sowie die Beratung zu Präventionsthemen und Früherkennung können genutzt werden.


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