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Kolumne von Simon Libsig «Datenbank»


Wir schreiben das Jahr 2050. Smart-City-Planer Uwe Trockenbrodt hat seinen Staff versammelt: «Unsere Datenspeicher sind voll», sagt er und drischt mit der Faust auf den Touchscreen-Tisch. «Wir brauchen eine Idee!» Die Staff-Mitglieder starren Trockenbrodt durch ihre Google-Brillen an. «Für jeden neuen Datensatz, der reinkommt, müssen wir einen anderen löschen. Das ist eine Katastrophe! Allein heute schon: Sämtliche dokumentierten Fälle von Fusspilz in den Schwimmbädern der Region - weg! Oder die Namen aller Kinder, die an einer Badenfahrt oder einem Argovia Fäscht gezeugt wurden – weg! Wo, frage ich sie, wo speichern wir in Zukunft all die Daten ab? Und wie gewährleisten wir den offenen Zugang?» Totenstille. Trockenbrodt reicht Ritalin und Xanax herum. «Denken sie nach, denken sie nach!»


Dann streckt Heiniger aus dem Team auf. Eines der Hologramme aus der historischen Fakultät habe kürzlich eine gewagte These zur Prä-digitalen Epoche geäussert. Demnach halte man es für möglich, dass die primitiven Menschen damals ihre Daten nicht extern, sondern intern abspeicherten. In einer Art integriertem Computer. Sofort wird Heiniger rot, er wisse, es klinge verrückt. Die anderen vom Team können sich ein Lachen nicht verkneifen.


«Wie stellen sie sich das vor?», fragt Trockenbrodt, ebenfalls amüsiert. «Dass sich die Menschen Dinge wie Strassennamen oder Telefonnummern oder den Müllabfuhrtag einfach merkten? Wie durch Zauberkraft?»


«Nun ja», fährt Heiniger zögerlich fort, «das Hologramm spricht nicht von Zauberkraft, sondern von einem internen Speichermedium, offenbar nannte man es Gehirn – und es soll 1 Million Gigabyte speichern können.» Trockenbrodt wird hellhörig. «Ein Petabyte. hmmm.» Er kaut an seinen Vitamin-Fingernägeln herum. «Was wäre also, wenn wir allen ein solches Gehirn einpflanzen würden, nur mal angenommen, dann könnte jeder quasi in sich selber Datensätze anlegen, und zwar ganz individuell, nach Interesse, zum Beispiel alles über Fussball oder sämtliche Standorte von öffentlichen WC’s…hmmm. Die Menschen würden quasi zu wandelnden Daten-Sätzen werden, gar nicht mal so schlecht! Aber ein entscheidendes Problem bleibt: Wie machen sie einander diese Daten zugänglich? Notabene Kostenlos?!»

Alle blicken zu Heiniger. «Nun», sagt er nach einer Weile, «auch das eine völlig verrückte Idee, aber was wäre, wenn die Menschen plötzlich miteinander interagieren würden?» Seine Teamkollegen prusten los.


«Wie jetzt?», fragt Trockenbrodt, «ernsthaft?»

«Na ja», fährt Heiniger fort, «es müsste einen Ort geben, an dem man sich begegnen kann.»

«Offline?» fragt Trockenbrodt nach.

«Das wäre zumindest neu», antwortet Heiniger.


«Aha», sagt Trockenbrodt und kriegt einen verklärten Blick. Dann springt er auf seinen Stuhl und verkündet: «Es müsste ein Ort sein, der Nostalgie weckt. Der nicht ablenkt. Keine Screens. In der Zeit stehengeblieben. Keine Roboter, die bedienen. An diesem Ort ginge es vor allem um den persönlichen Austausch.» Trockenbrodt lässt sich sogleich von der künstlichen Intelligenz ein Bild malen. Alle warten gebannt. Auf dem Bildschirm erscheint das Bild einer Parkbank. «Da kann man sich drauf setzen und ins Gespräch kommen», erklärt Siri feierlich. Totenstille. «Das ist es!» entfährt es Trockenbrodt, «wir stellen überall in der Region solche Dinger auf, da kann man sich drauf setzen und offene Daten austauschen, das gefällt mir, das gefällt mir! Und wissen sie was?» Trockenbrodt schaut euphorisch in die Runde: «Wir nennen das Ding Daten-Bank.»

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