Mit «Unverpackt» Bewusstsein schaffen
- Handballworld AG

- 26. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Im Laden ohne.ch in Baden wird Nachhaltigkeit nicht nur verkauft, sondern gelebt. Drei Frauen zeigen, dass bewusster Konsum nicht mit Moralkeule funktioniert, sondern mit Feingefühl, Sinn für Gemeinschaft und einem grossen Stück Idealismus. Hier geht es um Wertschätzung statt Verzicht und das Bewusstsein, mit Kleinem, Grosses bewirken zu können.
Wenn man das ohne.ch an der Stadtturmstrasse in Baden betritt, spürt man, dass hier etwas anders ist als in vielen anderen Läden. Die Regale gefüllt mit Produkten, alle in grossen Behältern und nicht in kleinen, einzelnen Verpackungen. Hinter dem Konzept stehen Silja, Sophie und Deborah, die gemeinsam einen Ort geschaffen haben, an dem Einkaufen mit Bewusstsein möglich ist. Die Idee entstand 2016. Silja war in Deutschland unterwegs, entdeckte dort einen Unverpacktladen und ärgerte sich darüber, dass selbst Bioprodukte oft in Plastik eingeschweisst sind. Zurück in der Schweiz liess sie der Gedanke nicht los. Gemeinsam mit Sophie, die sie von der Arbeit beim SRF kannte, gründete sie eine GmbH und startete über Crowdfunding den Laden «ohne». Deborah, die dritte im Bunde, wurde auf das Projekt aufmerksam und meldete sich bei den beiden. Noch heute bilden die drei Frauen die Geschäftsleitung.
«Wir wollen Bewusstsein schaffen, nicht Schuldgefühle.»
Gründerinnen von ohne.ch
Kein Diktat, sondern Bewusstsein
Im Laden gilt kein Zwang, wer mit Gläsern einkaufen will, kann das tun. Andere bringen Baumwollsäckchen, Papier oder andere Behälter mit. Es geht darum, verschiedene Optionen zu bieten, ohne strenge Vorschriften und Diktat. Die drei Gründerinnen sehen sich nicht als Missionarinnen, sondern als Gastgeberinnen: «Wir wollen Bewusstsein schaffen, nicht Schuldgefühle. Niemand muss perfekt sein, wichtig ist, dass man beginnt und etwas macht.» So entsteht eine Atmosphäre, die entschleunigt. Viele Kundinnen und Kunden kommen regelmässig, werden mit Namen begrüsst und schätzen die Stimmung, die hier herrscht.
Hinter den Kulissen
Was einfach wirkt, ist komplex: Jede Verpackung wird durchdacht, jeder Produzent sorgfältig ausgewählt. Ein Produkt soll nicht nur Bio sein, sondern in der gesamten Wertschöpfungskette sozial und ökologisch verträglich entstehen. Das braucht Gespräche, Zeit und Kompromisse. «Man kann nicht einfach Grosspackungen öffnen und hoffen, dass es passt», sagt Silja. «Wir müssen uns mit jedem Produzenten über Mehrweggebinde und Liefertermine abstimmen. Das ist viel Aufwand – aber nur so funktioniert Zero Waste ehrlich.» Etwa 60 Prozent der Food- und Non Foodprodukte stammen aus Mehrwegbehältern, ein Teil wird in Papier geliefert, manches bleibt in Plastik, wo Hygienevorschriften es verlangen. Auch die eigene Theke folgt diesem Prinzip: Alles, was dort steht – von Salaten über Sandwiches bis zu Snacks wird vor Ort frisch produziert. Food Waste gibt es kaum, weil nur eine Menge hergestellt wird, welche an einem normalen Tag über den Tresen geht.

Die Gründerinen von ohne.ch (von links): Deborah Knecht, Sophie Maurer und Silja Buck.
Ein Laden für alle
Das Publikum ist so vielfältig wie die Stadt selbst: Junge Menschen kommen auf einen Kaffee und entdecken nebenbei das Unverpackt-Konzept, Familien bringen ihre Kinder zum Abfüllen mit und ältere Kund:innen schätzen, dass sie selbst bestimmen können, wie viel sie kaufen. «Viele glauben, es sei teurer, aber das stimmt nur bedingt», sagt Deborah. Preislich liegt der Laden zwischen Migros Bio und klassischen Bioläden. Gewisse Produkte seien gar nicht zu Preisen von Grossverteilern anzubieten.
Herausforderungen und Zukunft
Die grössten Herausforderungen liegen in der Logistik: Hygiene, Reinigung, Lagerung, Absprachen – alles braucht mehr Zeit als im herkömmlichen Detailhandel. Auch bei den Lieferanten ist Fingerspitzengefühl gefragt: Vor allem Non Foodprodukte stammen aus Deutschland oder dem europäischen Umland, weil die Schweizer Produktion für gewisse Produkte schlicht zu teuer oder zu klein ist. Trotzdem bleibt das Ziel, alles innerhalb von Europa zu beziehen, wenn möglich aus der Schweiz – kurze Wege, faire Bedingungen, transparente Herkunft. Die drei Gründerinnen teilen sich die Aufgaben klar, jede hat ihre Stärken. Trotzdem überschneiden sich die Bereiche oft. «Wir telefonieren fast täglich», sagt Sophie und zeigt, wie viele Absprachen notwendig sind, um den Laden führen zu können. Und natürlich bleibt ohne.ch im Wandel: neue Produkte, neue Verpackungslösungen, neue Ideen. Kooperationen für Upcycling oder Events im Laden sorgen für weitere Abwechslung an der Stadtturmstrasse. Ohne.ch ist längst mehr als ein Geschäft. Es ist ein Ort der Begegnung, eine kleine Community mitten in Baden. Hier geht es nicht um Verzicht, sondern um Werte. Nicht um Regeln, sondern um Haltung. Oder, wie es Sophie formuliert: «Wir wollen zeigen, dass jeder Mensch einen Unterschied machen kann – egal wie gross oder klein er ist. Wichtig ist nur, dass man es versucht.»
Interview: Katja Bopp Text: Valentin Lehmann Bild: Christian Doppler

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