Mit Verantwortung, Mut und Bodenhaftung
- Handballworld AG

- 26. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Irina Leutwyler ist seit kurzem Direktorin der RVBW. Sie führt klar, direkt und mit spürbarer Nähe zu den Menschen im Betrieb. Warum sie schon als Teenagerin davon träumte, ein Unternehmen zu leiten, was sie antreibt – und weshalb Mobilität in der Region Baden-Wettingen vor einem entscheidenden Umbruch steht.
Irina Leutwyler ist seit dem 1. August die Direktorin der Regionalen Verkehrsbetriebe Baden-Wettingen (RVBW). Die gelernte Elektroingenieurin folgt auf Stefan Kalt, der das Unternehmen während Jahrzehnten geführt und geprägt hat. Leutwyler ist in der Region aufgewachsen und hat ihre Lehre bei der ABB gemacht – als erste Frau war sie allein unter 199 Männern. Der Vortrag des Vaters eines Mitschülers über «Energieprojekte im Ausland» entfachte bei ihr den Funken für die Faszination «Technik». Verschiedene Kulturen, Technik mit Wirkung, das Internationale – da wurde ihr klar, so etwas will sie auch. Der Gedanke, eine Firma führen zu können und wollen, kam auch bereits in dieser Zeit auf, ausgesprochen hätte sie diesen Traum aber nie. Nach ihrer Lehre bei der ABB und einem Studium an der FHNW zog es sie dann auch in die weite Welt. Als Projektleiterin und Ingenieurin war sie unter anderem an der Inbetriebnahme einer Magnetschwebebahn in Shanghai beteiligt. Im weiteren Verlauf der Karriere arbeitete sie in verschiedenen Grossunternehmen und KMU's und sammelte laufend Führungserfahrung.

Unter der Leitung von Irina Leutwyler treibt die RVBW die Elektrifizierung und Modernisierung des ÖV voran
Unterstützende Führung
Führung bedeutet für sie nicht oben stehen und zu befehlen, sondern zu ermöglichen. «Diese Firma gibt es nur wegen den Menschen, die hier arbeiten und denen, die unsere Dienstleistungen nutzen», sagt sie. Man müsse Menschen mögen, sonst habe man im Führungssessel nichts verloren. Ihr Ansatz: aufmerksam zuhören, die richtigen Fragen stellen und Verantwortung übernehmen. Entscheidungen trifft sie lieber rechtzeitig, als zu spät, dafür komplett durchdacht. «Wenn man nicht entscheidet, passiert sicher nichts», sagt sie. Wenn es irgendwo im Getriebe knirscht, sieht sie ihre Aufgabe darin, das Kies aus den Zahnrädern zu holen und den sauberen Betrieb zu ermöglichen. In der neuen Rolle als Direktorin angekommen ist sie schneller als erwartet. «Ich hatte tatsächlich sehr hohe Erwartungen, aber die wurden allesamt übertroffen.» Die Kultur in der Belegschaft beschreibt sie als respektvoll und lösungsorientiert. Man merke, dass bei den RVBW gerne und mit Stolz gearbeitet werde.
Neue Herausforderungen
Die Mobilität steht vor einem massiven Wandel. Normalbusse fahren bei der RVBW bereits elektrisch, bei den Gelenkbussen ist rund die Hälfte umgestellt. Ein Elektrobus ist heute mehr ein fahrender Computer als ein Fahrzeug. Sensorik, Sicherheitssysteme, Software – ohne WLAN an Bord geht nichts mehr. Die Beschaffung ist teurer und komplexer, in der Wartung braucht es andere Skills als bei den Vorgängermodellen. Gleichzeitig profitieren Bevölkerung und Stadt direkt: weniger Lärm, keine Dieselwolken, sauberere Luft. Aktuell steigt der Druck auf das System «Öffentlicher Verkehr». Bis 2050 wächst die Bevölkerung in der Region gemäss Berechnungen um bis zu 30 Prozent. Gleichzeitig sollen sich mehr Pendler für den ÖV entscheiden – von aktuell rund 28 auf 40 Prozent der Pendler. Um dem gerecht zu werden, sind verschiedene Ansätze notwendig. Ohne eigene Spuren bleibt der Bus im Stau hängen. «Das muss man klar sagen: Wenn wir nicht priorisieren, stehen bald alle», sagt Leutwyler.
Ihre Fahrerinnen und Fahrer schätzt sie sehr, aber auch sie stehen unter Druck. Der Verkehr wird dichter, das Verhalten der Menschen ungeduldiger. Deeskalationstrainings werden ab nächstem Jahr Teil
der Ausbildung. Eine der grossen Herausforderungen betrifft den allgemeinen technologischen Wandel, fast alles wird digitaler, vernetzter und datengetriebener. Viele Aufgaben brauchen heute nicht mehr die gleichen Skills wie noch vor einigen Jahren. Für Leutwyler ist dabei entscheidend, dass alle mitgenommen werden. «Die Haltung zählt. Wer offen bleibt und lernen will, bekommt bei uns Unterstützung.» Es geht ihr nicht darum, Menschen zu ersetzen, sondern sie weiterzuentwickeln und ihnen Sicherheit im neuen Arbeitsumfeld zu geben. Erholen kann sich Irina Leutwyler am besten mit Menschen. Sie kocht gerne, geht mit Freunden wandern, liebt Oper und Theater und sie fährt Töff, früher sogar Rennen. «Ich brauche Gemeinschaft. Von dort kommt meine Energie.»
Über die RVBW AG
Mitarbeitende: 239 Anzahl Linien: 13
Fahrzeuge: 72 Davon elektrifiziert: 33
Fahrgäste 2024: 14.5 Mio Haltestellen: 337
Interview: Daniel Zobrist Text: Valentin Lehmann Bild: CH Media/Andrea Zahler

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