«Nie leer laufe»


Meine Mutter hat mich gelehrt, nie leer zu laufen.


«Nie leer laufe. Nie leer laufe, immer öppis id Händ neh, nie leer laufe, immer öppis mitträge, nie leer laufe!»


Noch heute höre ich ihre Stimme, wenn ich vom unteren Stockwerk ins obere wechsle, wenn ich nach draussen in den Garten gehe, wenn ich vom Sitzplatz zur Terrasse zurückkehre. «Nie leer laufe». Es gehe ja im Gleichen zu, wenn man grad noch die Wäsche mitnehme in den Keller, wo man sich eigentlich einen Wein holen wollte, es gehe im Gleichen zu, wenn man zusammen mit dem Wein auch noch ein Glas Konfitüre herauftrage, man habe ja zwei Hände und wenn man ohnehin schon im Keller sei, könne man die Wäsche auch kurz in die Maschine füllen und die bereits gewaschene aufhängen und in die Hände mit Wein und Konfitüre passe auch noch die bereits getrocknete Unterwäsche und der Brief, der da schon viel zu lange liege im Keller, wo er nicht hingehöre, den Brief könne man sich ja zwischen die Lippen klemmen, wenn es in den Händen keinen Platz mehr habe, nie leer laufen.


Das führte dazu, dass meine Mutter keine Leerläufe machte, ihr Alltag war verdichtet und so lückenlos gefüllt wie ihre Hände. Diese waren selten frei für eine ungeplante Streicheleinheit. Selten nahm die gelernte Damenschneiderin, die stolze Handwerkerin, einfach aus reiner Freude Nadel und Faden zur Hand, fast nie einen Stift und ein Blatt Papier, um zu reimen oder zu dichten. Nur dann und wann durften ihre Hände über die Köpfe der Kinder streichen oder über einen schlecht vernähten Saum an einem H&M-Fetzchen, «Schau mal, diese Schundware, dass so etwas überhaupt verkauft werden darf, aber das andere T-Shirt sieht sauber aus, das nehmen wir, wenn wir schon mal hier sind. Nie leer laufen.» Leerläufe, denke ich, werden den Beamten und den Staatsangestellten zugeschrieben. Wer im Haushalt und im Handwerk arbeitet, muss effizient sein.


So gehe ich bepackt wie ein Saumtier zu einem Auftritt, in der rechten Hand den Brief, den ich schon lange lesen möchte, und in der linken das Handy für Sprachaufnahmen. Da spricht mich ein älterer Herr an. Er lese oft, was ich da und dort schreibe, erzählt er mir, aber es ginge ihm gar nicht um mich, sondern um meinen Vater, den er immer zu hören vermeine, wenn er meine Texte lese, er vernehme deutlich die Stimme meines Vaters, der vor Jahrzehnten sein Arbeitskollege bei der Bahn gewesen sei. Der Herr kommt ins Erzählen. Ja, mein Vater, das sei einer gewesen! Schlagfertig, immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Denn als Quasi-Staatsbeamter bei der Bahn habe man ansonsten nicht allzu viel zu lachen gehabt. Korps-Geist, Gehorsam und leere Wagen ins Depot laufen lassen. Einmal wöchentlich habe man in der bessern Beiz Zmittag gegessen, neben den stolzen Handwerkern. Da sei einst ein Schreiner aufgestanden und habe laut rezitiert:


«Wer im Leben gar nichts kann,geht zu Post und Eisenbahn!»


Es habe aber keine zwei Sekunden gedauert, da habe mein Vater aus der Hinterhand zurück gefeuert:


«Und ist seine Kunst noch kleiner wird er einfach Möbel-Schreiner.»


Diese Episode habe er in all den Jahrzehnten nie vergessen, ich solle meinen Vater grüssen und auch meine Mutter. Ich bedanke mich und erinnere mich daran, dass ich den Brief noch lesen wollte. Er ist von meinen Eltern. Meine Mutter hat mir ein kleines Gedicht zum Geburtstag geschrieben. Nach all den Jahren wagt sie sich nun ans Reimen, das freut mich, früher war das die Domäne meines Vaters, der bei der Arbeit noch genügend Leerstellen fand, die er mit Erdichtetem füllen konnte. Denn es sind ja die Lücken, in welchen Kreativität entstehen kann.


Natürlich hat mein Vater den Brief auch unterschrieben. Allerdings musste er noch zwei Zeilen aus der Hinterhand anfügen.


«Nicht alles, was sich reimt, ist ein Gedicht.

Nicht alles, was zwei Backen hat, ist ein Gesicht.»


Dies ist eine der gereimten Ungereimtheiten des Lebens. Ich strahle über alle vier Backen und fühle mich bis obenhin gefüllt mit Lebensfreude. Nie leer laufe.


Die Kolumne von Patti Basler ist im LANDxSTADT 2/2022 erschienen.