Zum aus der Haut fahren


Natürlich war ich nervös. Wer wäre das nicht? Es war mein erstes Bewerbungsgespräch seit den Kindern. «Brauchst du nicht sein», sagte meine Mutter, «sei einfach du selbst. Was kann schon Schlimmes passieren? Sie können nicht mehr als nein sagen.»


Es war kein Spitzenjob, auf den ich mich da bewarb, und mehr als drei Vormittage lagen gar nicht drin, aber es war wichtig. Und ich hatte mich so gut wie möglich vorbereitet.


«Willkommen», sagte der Chef, als ich in sein Büro trat, und fast wollte er meine Hand nicht mehr loslassen, «nehmen sie doch Platz.» Er schaute zu, wie ich meine Beine übereinander schlug, und verweilte mit seinen Augen noch ein wenig auf meinen schwarzen Strümpfen. «So», sagte er schliesslich zu meinem Ausschnitt, «sie wollen also bei uns arbeiten?» Dann schaute er mir zum ersten Mal in die Augen und zwinkerte kurz. Noch bevor ich antworten konnte, klingelte das Telefon. Also, gehört habe ich es nicht. Der Chef redetet plötzlich einfach drauflos. Erst dachte ich noch, er rede mit mir. Aber dann sah ich den weissen Kopfhörer in seinem Ohr. Ja!


Nahm der während meines Bewerbungsgesprächs tatsächlich einen Anruf entgegen. Stand sogar von seinem Tisch auf und lief herum, lief telefonierend um mich herum, und ich spürte, wie er mich ansah, von allen Seiten, meine Haare, meine nackten Arme, die ich auf den Armlehnen platziert hatte, meine Brüste. Eigentlich hätte ich da schon aufstehen und rauslaufen sollen. Aber dann redetet er plötzlich wieder mit mir: «Ihr Dossier hat mich sehr beeindruckt», sagte er, und wanderte mit seinem Blick an meinen Stiefeln hoch bis über die Knie. Und dann kam der nächste Anruf. Aber dieses Mal ein Privater. «Entschuldigung», sagte der Chef, «macht es ihnen etwas aus?», und deutete zweimal mit dem Kinn zur Tür.


Ich verliess sein Büro, aber irgendwie konnte ich noch nicht gehen, etwas hielt mich zurück. Ich wartete draussen im Gang neben dem Fikus. Zehn Minuten. Zwanzig Minuten. Und nach über dreissig Minuten kam der Chef endlich zum Zimmer raus. Zwängte sich mit seinem Kittel in eine Jacke. Offenbar Feierabend. Und dann sah er mich: «Oh», sagte er, «das ist mir jetzt peinlich», fischte den Autoschlüssel aus der Manteltasche, «bitte entschuldigen sie, es läuft gerade so viel, ich habe sie komplett vergessen. Ich winkte ab und trat auf ihn zu. Noch etwas näher. Das mache nichts, sagte ich, «ich wollte mich einfach noch persönlich verabschieden.» Seine Hand liess ich fast nicht mehr los. Zuerst schaute ich ihm in die Augen und blinzelte kurz. Dann wanderte mein Blick runter, über seine Brust, über den Bauch, und zwischen seinen Beinen verweilte ich ein wenig. Ich trat noch näher an ihn heran. Blickte ihm wieder in die Augen und nahm ihm, fast zärtlich, den Knopf aus dem Ohr. Dann zog ich ruckartig mein rechtes Knie an. «Oh», sagte ich, «bitte entschuldigen sie, es läuft gerade so viel, jetzt habe ich mich komplett vergessen.»


Die Kolumne von Simon Libsig ist in der LANDxSTADT Edition Herbst erschienen.